Methoden zur Gewinnung neuer Teammitglieder

Chemnitzer Linuxtage, 16. März 2014

Fast jedes Freie Software Projekt ist mit der Tatsache konfrontiert, daß die Autoren des Teams über einen mehr oder weniger großen Mangel an Zeit klagen. In den meisten Fällen werden die zur Verfügung stehenden Zeitscheiben dem Erstellen von Code oder anderer technischer Probleme zugeordnet und es existiert keine Strategie zur Gewinnung neuer Mitstreiter. In Projekten, die nur durch Freiwillige bestritten werden (im Gegensatz zu solchen, in denen auch durch Firmen bezahlte Mitarbeiter mitwirken) besteht daher die Gefahr, daß das Projekt gänzlich einschläft, denn Autoren können auf Grund verschiedener Gründe ausscheiden (berufliche Veränderung, familiäre Gründe). Da es kein effektives Mittel gibt, um Freiwillige in einem Projekt zu halten, ist es notwendig, aktiv um Neuzugänge zu werben.

Freiwillige können üblicherweise aus der Gruppe der Nutzer einer Software gewonnen werden, speziell denen, die bereits auf einem der etablierten Kommunikationskanäle (Mailingliste, Forum, IRC) mit den Autoren in Kontakt stehen. Oft werden engagierte Nutzer auch aktiv, indem sie Fehler berichten - im besten Fall sogar mit Korrekturvorschlägen. An diese Nutzer sollte aktiv herangetreten werden.

Der Vortrag beschreibt am Beispiel des Debian Med Teams (eine Gruppe von Debian Entwicklern, die sich zum Ziel gesetzt hat, Freie Software aus dem Bereich der Medizin und Bioinformatik in Debian zu integrieren), wie es dort gelungen ist, die Zahl der Mitstreiter deutlich zu erhöhen. Da der thematische Fokus ausgesprochen speziell ist, ist die Anzahl der potentiellen Nutzer und der sich daraus rekrutierenden Entwickler relativ klein. Darüber hinaus sind die Nutzer oft nicht geneigt, sich mit Details des Betriebssystems auseinanderzusetzen, was den Kreis potentieller Entwickler weiter einschränkt.

Daher erwies es sich als besonders wichtig, möglichst viele Vertreter aus diesem kleinen Kreis aktiv zu ermutigen, sich an der Entwicklung zu beteiligen. Neueinsteigern wurde die Möglichkeit aufgezeigt, die Arbeit des Debian Med Projekts aktiv zu unterstützen und damit auch die Richtung der Aktivität zu beeinflussen. Das bewirkte, daß neue Entwickler in das Team eingebunden werden konnten. Dazu wurde das Konzept "Mentoring of the Month" speziell für Debian Med geboren. Im Vortrag wird ausführlich auf diese Methode eingegangen.

Ein Problem bei der Organisation der Zusammenarbeit von Freiwilligen ist die Tatsache, das es wenig Möglichkeiten gibt, die Beteiligten zu motivieren, sich mit relevanter Dokumentation auseinanderzusetzen und die gemeinsame Strategie nachzuvollziehen. Es lohnt sich jedoch, nach "Hebeln" zu suchen, die die Beteiligten dazu bewegen können. In Debian wäre das z.B. die Tatsache, daß Paketbetreuer, die keine offiziellen Debian Maintainer sind, immer einen Sponsor benötigen, der für sie ein Paket hochlädt. Leider ist das nicht immer so einfach wie es sich die Paketbetreuer wünschen. An dieser Stelle setzt die Methode "Sponsering of Blends" an: Ich sponsere Dein Paket, wenn Du nachweist, daß Du Dich mit der Team-Struktur auseinandergesetzt hast und die Arbeitsmethoden kennst. Es empfiehlt sich vergleichbare Möglichkeiten zu suchen, die für eine aktive Mitarbeit einen attraktiven Gegenwert bieten.

Ein wesentlicher Bestandteil der Zusammenarbeit im Debian Med Team sind auch jährliche Zusammenkünfte, sogenannte Sprints. Im Vortrag wird anhand von konkreten Zahlen nachgewiesen, daß diese regelmäßigen Treffen tatsächlich zu einer deutlichen Steigerung sowohl der Anzahl der Mitglieder des Teams als auch zu einer deutlichen Erhöhung der geleisteten Beiträge (Paketzahl, Commits im Versionskontrollsystem, gelöste Fehlerberichte, Mailinglistbeiträge) führen.